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Editorial Virginia Nr. 55 (Herbst 2014)

 

Liebe Leserinnen,

es ist ja so eine Sache mit der Interpretation von Statistiken - je nach Perspektive kann die gleiche Statistik positives und negatives gleichermaßen bereithalten. So wurde z.B. der Literaturnobelpreis seit seiner Gründung 97-mal an Männer und 11-mal an Frauen vergeben. Keine Frage: eine miese Bilanz. Seit der Gründung der Virginia im Jahre 1986 wurde der Literaturnobelpreis insgesamt 28-mal vergeben, davon 7-mal an Schriftstellerinnen. Auch das ist noch nicht glorreich, aber es zeigt doch eine deutliche (positive) Veränderung.

In ähnlicher Weise erlaubt auch die kürzlich in den Feuilletons geführte Debatte über die Longlist des Deutschen Buchpreises verschiedene Sichtweisen: 15 Titel von Männern wurden von der Jury nominiert, aber nur 5 von Frauen. Eindeutiges Ungleichgewicht. In die Shortlist, aus der letztlich die Gewinnerin oder der Gewinner gekürt wird, haben es aber immerhin zwei Schriftstellerinnen (versus vier Schriftsteller) geschafft. Statistisch betrachtet, ist es übrigens wahrscheinlicher, dass am 6. Oktober eine Gewinnerin gekürt wird, denn seit seiner Gründung im Jahre 2005 wurde der Preis 6-mal an eine Frau vergeben und nur 3-mal an Männer. Ist das Glas nun halb voll oder halb leer?

Gerade in Bezug auf den Buchpreis könnte nun das häufig herangezogene Qualitätsargument angebracht werden (und wird es natürlich auch): Wir brauchen keine Quote, denn Qualität setzt sich durch. Aber mal ehrlich: Würde die Bilanz des Literaturnobelpreises so aussehen, wie sie aussieht, wenn das tatsächlich der Fall wäre? Nein, gewiss nicht, denn es gab und gibt nach wie vor strukturelle Benachteiligungen von Frauen in allen Bereichen des literarischen Betriebs und diese aufzuzeigen, notfalls auch mit der Hilfe von Statistiken, ist wichtig und richtig. Der Blick auf die Website der Organisation VIDA (http://www.vidaweb.org/) die Jahr für Jahr die Anzahl der rezensierten AutorInnen und RezensentInnen in renommierten Zeitungen wie der New York Times oder der London Review of Books durchzählt zeigt das mehr als deutlich.

Unsere eigene Bilanz ist schnell erstellt: 100% Autorinnen und 100% Rezensentinnen. Wie in den 54 Ausgaben zuvor auch wieder in dieser, unserer 55sten. Wir betrachten es als unseren Beitrag zur Aufbesserung der Gesamtstatistik und warten jetzt gespannt, ob die Jurys des Nobelpreises und des deutschen Buchpreises sich diesbezüglich auch noch mal ins Zeug legen ...

Viel Spass beim Lesen wünscht